Arbeit ist das halbe Leben

Artikel in Das Blättchen, Heft 12/2005 vom 6. Juni 2005

"Arbeit ist das halbe Leben" in "Das Blättchen" 12/2005„Arbeit ist das halbe Leben. Sag deinem Chef, du beschäftigst dich heute mit der anderen Hälfte. Arbeit! Arbeit! Arbeit! Ist das alles, was du kennst? Na, dann wird es höchste Zeit, etwas anderes zu erfahren …“

Das ist nicht etwa ein Vorschlag einer linken Partei zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit oder gar zur revolutionären Veränderung der gesamten Gesellschaft. Nein, die Sozialisten kämen in ihrer calvinistischen Strenge nicht einmal in die Nähe solch‘ sündiger Gedanken. Ihnen gilt der Apostel Paulus noch etwas: „So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.“ Marxens Schwiegersohn Paul Lafargue ist der Ketzer, und seine satirische Kampfschrift Recht auf Faulheit gilt noch immer als eine Sabotage ihres Wahlkampfes.

Nein, so etwas kommt heute nur von der anderen Seite. Das ist eine Werbung eines bekannten französischen Autoherstellers für eines seiner Modelle. Immer diese Franzosen. Erst wählen sie ausgerechnet einen Nichtsnutz wie Lafargue zum ersten sozialistischen Abgeordneten überhaupt, dann arbeiten sie selbst nur 35 Stunden in der Woche, und jetzt hat sich sogar ein Arbeitgeber angesteckt. Reuevoll gesteht er: „Mit seinem gigantischen Raumvolumen bietet er (sein Automodell – A.T.) dir mehr Platz, dich selbst zu verwirklichen, als jeder Boss.“ Man hat’s ja geahnt, aber daß die Bosse das jetzt selbst so sagen …

Weiter annonciert der Autokonzern: „Also, leg den Hammer zur Seite … und genieße das Leben. Du hast es verdient.“ Am besten soll das in dem besagten Automodell geschehen. Offen bleibt nur, wer die vielen schönen Autos herstellen wird, wenn die Autobauer jetzt zu ihren Aktionären sagen, daß sie sich künftig mit der anderen Hälfte des Lebens beschäftigen. Aber vielleicht handelt es sich auch um eine vollautomatische Fabrik und die Arbeiter sind längst neben die Produktion und damit nach Marx ins Reich der Freiheit getreten. Soll es ein Basiseinkommen auch ohne Arbeit geben, damit die Autos gekauft werden können? Oder werden die Autos verschenkt? Wovon werden die Aktionäre leben?

Fragen über Fragen – oder habe  ich da etwas falsch verstanden?

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