Beim Weltsozialforum

Artikel in Das Blättchen, Heft 5/2004 vom 1. März 2004

"Beim Weltsozialforum" in "Das Blättchen" 5/2004Mumbai, das frühere Bombay. Natürlich war ich auf Slums und Bettler gefaßt; aber es gab keine Elendsviertel, die ganze Stadt war eins, eine einzige bewohnte Müllhalde, in die isolierte Tempel des Wohlstandes oder Luxus’ eingebettet sind. Die besseren Viertel sehen nachts wie Kreuzberg in Berlin aus, das Stadtbild dominieren jedoch die graubraunen Elendsquartiere, die in jede freie Fläche vordringen, am Rande der Highways oder zwischen den Spuren, neben Ölpipelines und stinkendem Wasser.
Manche Blechhütte hat ihren Ausgang direkt auf die Straße, auf der sich das Leben abspielt. Dort wäscht man sich und seine Kleidung, verrichtet die Notdurft, läßt die Kinder spielen und betteln. Auf der Straße geht der Arzt seinem Werk nach, werden Haare geschnitten. Noch nie habe ich so viele Menschen gesehen, die zu allen Tageszeiten auf den Gehwegen schlafen. Viele Hütten verfügen über elektrischen Strom und Fernseher, aus dem Weiße oder aufgehellte Inder Werbebotschaften verkünden. Sauberes Wasser ist rar, manche indische Hausfrau muß täglich zwei Stunden für dessen Besorgung aufwenden. In dieser Stadt lebt, wenn man dem Eindruck des Straßenbildes trauen darf, die Hälfte der Einwohner am Rande der Existenz, was der Einwohnerzahl von Berlin und Brandenburg entspräche.
Für viele der Elenden sind selbst die Blechhütten unerschwinglich. Oft müssen Zelte oder Decken reichen, manchmal grenzen auch nur ein paar Steine einen „intimen“ Bereich am Straßenrand ab, einige haben nicht einmal das.
Während der Kontrast zwischen Arm und Reich kaum merkbar ist, auch wenn in Mumbai mehr Millionäre leben sollen als in der Bundesrepublik, weil sich der Reichtum weitgehend versteckt hält, muß das Weltsozialforum selbst viele krasse Gegensätze aushalten. Das Veranstaltungsgelände, eine alte Fabrik, kann man nur mit der Teilnehmerkarte und durch eine Schleuse, wie man sie von den Flughäfen kennt, passieren. Polizisten mit Schlagstöcken bewachen uns. Nur so lassen sich die fliegenden Händler, bettelnden Kinder und Prostituierten draußen halten, kann das Forum vonstatten gehen.
Die zahlreichen Kundgebungen auf dem Gelände allerdings erreichen nur die Teilnehmer: Aktive agitieren Aktive. Sie machen einander Mut. Die anderen bilden langsam eine Traube um das Forumsgelände und zelebrieren die freie Marktwirtschaft. Der Preis für eine Motor-Rikscha steigt täglich und rasant.
Drinnen im Weltsozialforum gibt es auch für indische Verhältnisse preiswertes und nahrhaftes Essen, köstliche Gerichte aus allen Ecken Asiens. Draußen betteln Kinder. Drinnen der Protest gegen Kinderarmut und Kinderarbeit, draußen die unbarmherzige Notwendigkeit, die bettelnden Kinder mit ihren verweinten Augen wie Luft behandeln zu müssen, um nicht der Kriminalität Vorschub zu leisten und eine unbeherrschbare Traube von Kindern um sich zu scharen. Natürlich sind deren Gesten einstudiert, man kann es merken, was ihnen aber kaum an Wirkung nimmt.
Wie soll man jemals wieder die kleinen Hände vergessen, die einen am Ärmel zupfen und beim geringsten Zeichen, daß man dieses Zupfen bemerkt hat, zuerst auf sich, dann auf das Herz des Angesprochenen und schließlich auf den eigenen Mund zeigen? Und die Kinderaugen? Kindertränen bleiben Kindertränen, auch wenn sie auf Bestellung kommen.
Die Prostituierten, die auf dem Forum gegen ihre Ausbeutung und Mißachtung kämpfen – und anschließend versuchen, ihrem Gewerbe nachzugehen. Die Kinder, die gegen Kinderarbeit und Kinderarmut singen und Flugblätter verteilten – und anschließend die bettelnde Hand ausstrecken. Drinnen im Forum meiden wir Westler entsprechend den dringenden ärztlichen Empfehlungen das Trinkwasser aus den Leitungen und nutzen Mineralwasserflaschen, deren Verschluß wir sorgsam prüfen. Draußen trinken Kinder aus Pfützen und schöpfen Männer das Wasser aus Straßengullys. Drinnen und auf den Märkten die herrlichsten Früchte. Draußen der einsame Händler mit sechs Melonen, der immer wieder jede Frucht einzeln in die Hand nimmt und bespricht, damit sie ihm Glück, einen Käufer, bringen möge. Drinnen fairer Handel, bei dem man sich für zehn Euro indisch einkleiden kann. Draußen bunte Kinderkleidung, die zum Trocknen auf Stacheldraht hängt.
Die Feststellung der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy in ihrer Eröffnungsrede braucht vor Ort keine weitere Begründung als den Ort selbst: „Das Weltsozialforum verlangt Gerechtigkeit und Überleben. Aus diesen Gründen müssen wir uns als im Krieg befindlich betrachten.“ Es ist selbstverständlich: „Wir müssen reale Ziele ins Visier nehmen und wirklichen Schaden anrichten … Wir dürfen gewaltlosen Widerstand nicht zu ineffektivem, wohlgefälligem politischen Theater verkümmern lassen.“
Auf dem Forum dominieren optisch die Dalits, die „Unberührbaren“ des indischen Kastensystems mit lautstarken Demonstrationen, mit Tänzen und Musik. Doch selbst sie, die Untersten der Unteren, nehmen die jungen Frauen nicht wahr, die unmittelbar neben ihnen den Müll sortieren in den biologischen Teil, den sonstigen Teil und den Teil, der sich für sie selbst noch irgendwie verwerten läßt.
Das Forum besteht eigentlich aus zwei Foren, das Gegenforum Mumbai Resistance nicht mitgerechnet. Auf dem einen Forum debattieren wir Westler und die intellektuellen Eliten aus Asien und Lateinamerika. Auf dem anderen Forum demonstrieren die Dalits und die indigenen Völker des indischen Subkontinents. Eine Forderung ist immer wieder zu hören, eine, die ich auf keiner europäischen Demonstration jemals gehört habe: die Forderung nach Würde. Beide Foren finden nebeneinander statt. Wir können mit den Flugblättern auf Hindi nur wenig anfangen, die Demonstranten interessieren sich kaum für unsere Seminare und detaillierten Diskussionen. Die lauten Trommeln und Gesänge machen gelegentlich die Gespräche in den Zelten unmöglich.
Ein ständiger Kampf gegen Mutlosigkeit. Es macht betroffen, daß sich der neue Hindi-Fundamentalismus direkt auf Hitler und Auschwitz beruft; in einer Dokumentation über das Massaker von Gujarat, bei dem über fünfzig Menschen in einem Zug verbrannt wurden, kann man folgerichtig lesen: „A leaf from Mein Kampf.“
Zurück in Deutschland fragen mich viele der Freunde und Kollegen, ob es schön gewesen sei.

Zu Artikel in „Das Blättchen“

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