Einmal den Kapitalismus so richtig erschrecken?

Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser erzählt in Bad Belzig, wie sie das machen will

Gisela Oechelhaeuser, die große Dame des deutschen Kabaretts und einstige Chefin der Distel in Ostberlin, zieht noch immer ihr Publikum. Am Sonntag Nachmittag zur besten Kaffeezeit ist das KleinKunstWerk im Bad Belziger Mühlenhölzchen 1a bis auf den letzten Sitz besetzt. Glücklich, wer reserviert hatte. „Oben auf der Bühne ist noch Platz“, für Oechelhaeuser wäre es nach eigenem Bekunden nicht das erste Mal.

Über einhundert Besucher folgen begeistert den dichtgedrängten Pointen der 73-jährigen Vollblutkabarettistin mit dem markanten Lachen, auch wenn diese aus früheren Programmen stammen. Ihr aktuelles Programm „Die Zeit verlangt’s“ versteht die Künstlerin als Reprisen-Programm, als Wiederholung, als Best of. „Warum neue Texte, wenn die alten immer aktueller werden?“, fragt Oechelhaeuser und setzt hinzu:

„Ein neuer Blick auf Altes ist ein alter Blick auf Neues.“

Artikel in der BRAWO / Bad Belzig

Die Kabarettistin, die über Horkheimer und Adorno promoviert hat, hat das dialektische Denken zur Freude des Publikums noch immer drauf. Der Kapitalismus, der einst die Vergangenheit war, ist heute die Gegenwart und wird die Zukunft, wenn es nicht wieder anders herum kommt. Ganz kommt die Künstlerin von der DDR nicht los. Warum auch? Richtige Misserfolge kannte man als Kabarettist damals nicht. „Wir wurden ja vom Staat subventioniert“, begründet Oechelhaeuser durchaus doppeldeutig.

Giesela Oechelhaeuser
Giesela Oechelhaeuser

Dem doppelbödigen Spiel der Worte zieht Oechelhaeuser einen weiteren Boden ein und spielt ihr Pubikum gleich selbst. Als frühere HO- und heutige LIDL-Verkäuferin Valentina erzählt sie die Pointen der Oechelhaueser nach, die sie gleich auch noch selbst kritisiert. Dabei spielt die Oechelhaeuser ihr ganzes Können aus. Mitunter reichen ihr wenige Sätze, die nur einen Satz weiter ihren eigentlichen Sinn bekommen, manchmal eine kleine Geste, ein Blick oder nur eine Pausen an der richtigen Stelle. Das Publikum im Mühlenhölzchen dankt ihr mit einer Lachsalve nach der anderen.

Eine andere Kunstfigur der Oechelhaeuser ist die ewig 99-jährige Adelheid Müller. Preisbewusst hat Müller bereits ihren Termin im Krematorium gebucht: Frühbucherrabatt. Sparsam hat sie ein Gebiss aus China gekauft. Da musste sie jedoch ununterbrochen lächeln, weshalb sie das Gebiss schnell wieder über Ebay verkauft hat. Jetzt hat es Frau Merkel: „Die trägt es anders herum.“

Ganz zum Schluss ihres Programms verrät die Oechelhaeuser noch ihren Trick, wie sie eines Tages dem Kapitalismus mal so richtig einen Schreck einjagen will:

„Ich stelle mich vor das Kaufhaus und rufen hinein: ‚Ich brauche nichts!’“

Artikel in der MAZ / Fläming Echo